Lektoratsstandorte:Tschita
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Einführung
Wer nach Tschita kommt sollte sich auf relative Isoliertheit und weite Distanzen einstellen. Die nächsten größeren Städte liegen jeweils 500km westlich (Ulan-Ude) und 1500km östlich (Blagoweschtschensk). Dazwischen gibt es nur endlose Taiga. Flüge nach und von Tschita sind teuer (Einheimische fliegen lieber vom 900km entfernten Irkutsk aus). Auch die relative Nähe zum Baikalsee, die viele Ausländer auf der Karte erspäht haben wollen, sollte nicht täuschen: auf der Luftlinie sind es trotzdem noch einmal 700 km, also ungefähr die Distanz Hamburg-München (bekanntlich ist ersteres ja ein Vorort von letzerem).
Kulturell hat die Stadt vergleichsweise wenig zu bieten: ein Theater (meist klassische Stücke); drei Kinos, die hin und wieder sogar künstlerisch wertvolle Filme zeigen; ein Theater mit Aufführungen russischer Volkstänze; verschiedene Nachtclubs, die meistens von Studierenden der ersten Semester bevölkert werden (die älteren bevorzugen Tabledance-Bars); eine Kunstgallerie, die auch für Modenschauen (neue Daunenjackenkollektionen u. ä.) gemietet wird, keine nennenswerten Bars und eine Schokoladnitza mit W-LAN und netter Bedienung. Ansonsten treten im Haus der Offiziere oder der Philarmonie manchmal auch russlandweit populäre Bands auf.
Geschichte Tschitas
Der Ostrog Tschita wurde bereits 1653 von Kosaken am Zusammenflusses der beiden Flüsse Tschitinka und Ingoda gegründet. Obwohl es auf einer wichtigen Handelsroute nach China liegt, spielte es über mehrere Jahrhunderte eine eher nachgeordnete Rolle. Die regionale Verwaltung wurde in Nertschinsk am Ufer der Schilka, einem Quellfluss des Amurs, angesiedelt. Am 27. August 1689 wurde dort der erste Grenzvertrag mit der chinesischen Qing-Dynastie geschlossen.
Mit dem Bau der Nertschinsker Strafkolonie im Jahre 1722 wurde Tschita zum wichtigen Durchgangsort für Verbannte. Allerdings wuchs die Einwohnerzahl zuerst nur minimal. Noch 1826 zählte der Ort nur 344 Seelen. Erst mit dem Dekabristenaufstand am 26. Dezember 1825 und der darauffolgenden Verbannung der Geheimbündler nach Sibirien gewann die kulturelle und politische Entwicklung der Region an Fahrt.
Der Großteil der Aufständigen gehörte zur politischen und intellektuellen Elite des Zarenreichs. Der Kunsthistoriker Orlando Figes nannte diese Generation junger Russen die „Generation 1812“, da sie am Vaterländischen Krieg gegen Napoleon teilgenommen hatten, wo sie einerseits mit nationalistischen Ideen, andererseits aber auch mit dem aufklärerischen und liberalen Gedankengut der europäischen Bourgeoisie in Berührung kamen. Nach dem gescheiterten Putschversuch erreichten diese Ideen über die Verbannten auch Sibirien.
Dabei spielten allerdings nicht nur die Verbannten selbst, die nach einer oft kurzen Periode der Zwangsarbeit in der lokalen Verwaltung unterkamen, eine Rolle, sondern auch deren Frauen. Im Fall der Verbannung hatten diese die Wahl, die Ehe entweder annullieren zu lassen, oder das Schicksal ihrer Ehemänner zu teilen und ihre bürgerlichen Rechte aufzugeben. Viele Gattinnen entschieden sich für Letzteres.
Mit dem Vermögen, das ihnen in der Regel erhalten blieb, schufen sie in Tschita und der Region ein Minimum an wohlfahrtsstaatlichen Institutionen: sie gründeten Schulen, engagierten sich für die Alphabetisierung und arbeiteten als Krankenschwestern. Zudem bereicherten sie das kulturelle Leben. Sie organisierten Theatervorführungen, hielten Lesungen und diskutierten die neuesten gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa und Amerika. An diesen Verdienst erinnert die „Dekabristenkirche“, eine in ein Museum umfunktioniere Kirche, die allerdings wieder in eine Orthodoxen Kirche ungewandelt werden soll.
Mit der durch Nikolai Murawjow-Amurski erzwungenen Öffnung nach Osten und dem Verträge von Aigun und Peking (1858 bzw. 1860) began auch für Tschita ein neues Kapitel. Die Region richtete sich nun mehr und mehr nach Osten aus. Diese Entwicklung fand einen vorläufigen Höhepunkt mit der Fertigstellung der Chinesischen Osteisenbahn im Jahre 1903, die von Tschita aus direkt durch mandschurisches Gebiet bis nach Wladiwostok führte.
Während des russischen Bürgerkrieges wurde Tschita vom Ataman Semjonow besetzt, der auf Seiten der Weißgardisten, Japanern und Tschechen die Bolschewiken an der Eroberung des russischen Fernen Ostens hindern wollte. Von 1920 bis 1922 war Tschita sogar die Hauptstadt der kurzlebigen Fernöstlichen Republik. Obwohl diese Periode wohl eine der turbulentesten und interessantesten der Tschita Geschichte ist, findet man heute im öffentlichen Leben kaum noch Hinweise auf Semjonow. Selbst auf der Wikipedia-Seite der Stadt findet sich zwar ein Foto, aber ansonsten keine Informationen zu seiner Personen.
Nach Ende des Bürgerkriegs und dem Verlust der Ostchinesischen Eisenbahn sank Tschita zunehmend in die Bedeutungslosigkeit herab. Wirtschaftliche Faktoren sind neben dem Energiesektor vor allem die starke Militärpräsenz und das landesweit bekannte Gefängnis, in dem von 2006 bis 2009 auch Michail Chodorkowski einsaß. Ansonsten hält die Stadt seine historische Bedeutung als Verbannungsort weiter hoch, was durch den (unfreiwilligen) Aufenthalt Chodorkowskis noch einmal unterstrichen wurde.
Neben dem botanischen Wahrzeichen der Region gewidmeten Transbaikalischen Bagulnik-Festival, bietet die Region allerdings eine atemberaubende Landschaft, die von schneebedeckten Bergen im Norden bis zur mongolischen Steppe im Süden reicht. Zudem weist Transbaikalien einen interessanten Mix von Burjaten, Russen und einer Handvoll Ewenken auf. Letztere kommen allerdings nur einmal im Jahr anlässlich der "Tage der Nordvölker" in die Provinzhauptstadt, um ihre Kostüme zu präsentieren und traditionelle Volkstänze aufzuführen.
Spürbar ist auch die relative Nähe zur chinesischen Grenze, die etwa 500km von Tschita entfernt ist. Allerdings sind die Beziehungen noch nicht so ausgeprägt, wie dies weiter östlich in Blagoweschtschensk, Chabarowsk und Wladiwostok der Fall ist. Zudem ist für Ausländer das chinesische Generalkonsulat in Chabarowsk zuständig, was die Visabeschaffung langwierig und teuer macht. Ein Abstecher nach Manschur, der chinesischen Grenzstadt lohnt sich dennoch.
Universität/ Lehrstuhl
Das Lektorat befindet sich am Lehrstuhl für Deutsche und Französische Philologie und Sprachdidaktik an der Fremdsprachenfakultät der Transbaikalischen Staatlichen Geisteswissenschaftlich-Pädagogischen Universität. Die Universität bildet in erster Linie Lehrkräfte aus. Im Unterschied zu einigen anderen Städten, ist die Забггпу, so die kyrillische Abkürzung, allerdings die größte Universität der Stadt und nur ein Bruchteil der Absolventen arbeitet letztendlich tatsächlich im Bildungssektor. Nach der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge dauert das Grundstudium (Bachelor) vier Jahre. Danach gilt die Ausbildung für Lehrkräfte als abgeschlossen und ein Großteil der Studierenden verlässt anschließend die Universität. Dieses Studium dient vor allem dem Spracherwerb und der Vermittlung praktischer Kenntnisse im Bildungsbereich. Ein wichtiger Teil ist das einmonatige Schulpraktikum, welches im Studienjahr 2011/2012 im 4. Studienjahr durchgeführt wurde. Dem Referendariat entsprechend unterrichten Studierende dabei selbstständig einen Monat lang an den Schulen Nr.38 und Nr.2 die einen vertieften Deutschunterricht anbieten. Im Studienjahr 2011/2012 gab es zwei Jahrgänge mit Deutsch als 1. Fremdsprache, einen im 4. und einen Anfängerkurs im 1. Studienjahr. An das Grundstudium können talentierte Studierende ein Masterstudium anschließen (2 Jahre). Dieses wird derzeit allerdings nur in den Bereichen Pädagogik, Literatur und Philologie angeboten. Einen eigenen Germanistikmaster gibt es nicht.
Wie in vielen anderen russischen Universitätsstädten findet auch in Tschita derzeit ein Zusammenlegungsprozess mehrerer Universitäten statt. Dabei sollen die Tschitaer Staatliche Universiät, die in erster Linie ein technische Universität ist, mit der Забггпу zusammengelegt werden. Dadurch könnte sich der Curriculum des Lehrstuhl nachhaltig ändern und neben der Lehramtsausbildung in Zukunft auch technische Übersetzung umfassen.
Die deutsche Abteilung der Lehrstuhls besitzt dank mehrerer DAAD-Kurzzeitdozenturen und -Stipendien gute Kontakte zu den Universitäten Kassel, Marburg und Bremen. In den letzten Jahren fanden zudem mehrerer Sprachreisen nach Deutschland statt, an der auch Studierende anderer Universitäten und Schüler teilnahmen.
Links:
Universität (http://www.zabspu.ru/[1])
Lehrstuhl (http://www.zabspu.ru/index.php?d=220[2])
Unterricht
1. Regelmäßiger Unterricht - Unterrichtseinheit (UE) à 45 Minuten
1.1 Fakultät - Landeskunde
- 2 UE mit dem 4. Studienjahr mit Deusch als 1.Fremdsprache (wöchentlich) - zusätzlicher Schwerpunkt auf didaktische Fertigkeiten
- 2 UE mit dem 2. Studienjahr mit Deusch als 2.Fremdsprache (wöchentlich - zwei Gruppen im Wechsel)
- 2 UE mit dem 4. Studienjahr mit Deusch als 2.Fremdsprache (14tägig)
1.2 Schule #38
- 2 UE mit der 9. und 10. Klasse (14tägig) - Vorbereitung auf den mündlichen Teil der DSD-Prüfung
- Methodische Betreuung und wöchentliche Hospitation bei 3 Studentinnen während des Schulpraktikums (10.09.-10.10.2011)
2. Gelegentliche Kurse an anderen Einrichtungen
Gruppengröße: 6-20 Schüler/Studierende
Projektarbeit
1. Pflegen des Studentenblogs des Russischen Fernen Ostens (http://www.rfo-studentenblog.de)
2. Kontaktpflege und gemeinsame Projekte mit den deutschen Universitäten Kassel, Marburg und Bremen
3. Kleinere Projekte: Interviewprojekt mit deutschen Künstlern (http://www.rfo-studentenblog.de/?p=103)
Generell: Kontaktpflege mit den relevanten Institutionen (GI Nowosibirsk) und Mittlern (DAAD Irkutsk, Ulan-Ude und Chabarowsk)